Ein emotionaler Abschied: Philippe Gex, der Hausmeister, verabschiedet sich
schrieb am 25.03.2025Es gibt Menschen, die weder das Rampenlicht noch Ehrungen suchen, deren blosse Präsenz jedoch tiefe Spuren hinterlässt. Philippe Gex gehört zu diesen stillen Architekten des Alltags – zu jenen, die nicht ihre eigene Geschichte schreiben, sondern die vieler anderer mitprägen.
Mehr als zwanzig Jahre lang prägte er La Maison von Terre des hommes Valais – nicht nur durch seine Leitung, sondern durch seine Vision, seine Stärke und vor allem seine Menschlichkeit. Sein Abschied markiert weit mehr als einen administrativen Wechsel. Er bedeutet das Ende einer Ära, die durch aufrichtiges, unermüdliches und ganzheitliches Engagement geprägt war – ein Engagement, das noch lange nachwirken wird.
Philippe Gex hinterlässt ein gefestigtes Haus, gerettete Leben, gewachsene Beziehungen – und eine Institution, die bereit ist, in die Zukunft zu gehen. Hinter jedem Stein, hinter jedem wiedergefundenen Lächeln eines Kindes, steht dieser eine Mann: bescheiden, unbeirrbar und voller Hingabe. Er hat nicht nur einen Ort des Willkommens geschaffen – er hat eine Familie aufgebaut.
Zwanzig Jahre Kampf für die Kinder
Es gibt Orte, die die Geschichten der Menschen flüstern, die sie geprägt haben.
In La Maison trägt jeder Flur, jedes Zimmer, jedes Kinderlachen leise den Namen von Philippe Gex. Seit seiner Ankunft im Jahr 2001 hat er sein ganzes Wesen in den Dienst der Verletzlichsten gestellt – nicht aus Pflicht, sondern aus innerer Selbstverständlichkeit.
„Was mich all die Jahre getragen hat, ist die Mission von La Maison selbst. Es sind die Werte, die mich angetrieben haben – diese innere Überzeugung, dass das, was wir hier tun, einen tiefen Sinn hat. Jeden Morgen bin ich mit dem Wissen aufgestanden, dass wir eine wichtige Rolle im Leben dieser Kinder spielen. Wir können unsere Augen nicht verschliessen. Jedes Kind, das hier aufgenommen wird, hat eine einzigartige Geschichte, eine grosse Erwartung. Wir verändern die Welt nicht, aber für sie sind wir vielleicht ihre einzige Hoffnung.“
Im Rhythmus der Jahreszeiten hat Philippe Gex Tausende von Kindern kommen und gehen sehen. Er hat zitternde kleine Hände gehalten, vertrauliche Worte aufgeschnappt, Momente des Triumphs geteilt – und manchmal Tränen der Resignation getrocknet. Er hat gelernt, dass es keine kleinen Kämpfe gibt, wenn es um Kindheit geht.

„Was mich all die Jahre getragen hat, ist die Mission von La Maison selbst. Jeden Morgen bin ich mit dem Wissen aufgestanden, dass wir eine wichtige Rolle im Leben dieser Kinder spielen.“
Philippe Gex, Direktor für 24 Jahre
Eine tiefgreifende und nachhaltige Veränderung
Im Laufe der Jahre hat sich La Maison unter der Leitung von Philippe Gex gewandelt. Modernisiert, erweitert, professionalisiert – und doch hat sie nie ihre Seele verloren. Philippe war nicht nur ihr Hüter, er war ihr Architekt. Stein für Stein hat er ein starkes Fundament gelegt, das es der Institution heute erlaubt, mit Zuversicht in die Zukunft zu blicken.
„Ich habe die halben Sachen immer abgelehnt. Ich wollte nie in eine Situation geraten, in der wir einem Kind nicht gerecht werden konnten. Administrativer Komfort oder der einfachste Weg waren für mich nie eine Option. Ich habe getan, was zu tun war – im Bewusstsein, dass nichts selbstverständlich ist und jede Entscheidung das Leben eines Kindes oder einer Familie beeinflussen kann. Aber vor allem wäre nichts davon ohne die Freiwilligen, Spenderinnen und Spender möglich gewesen. Ihnen gilt mein tiefster Dank. Jede und jeder hat auf seine Weise zu dieser Mission beigetragen. La Maison ruht auf einem universellen Vertrauen, auf einem kollektiven Impuls, bei dem jede Geste und jedes Engagement dazu beigetragen haben, diesen Kindern eine Zukunft zu schenken.“
Stabübergabe und unauslöschliches Vermächtnis
Nun ist für Philippe Gex die Zeit gekommen, den Staffelstab weiterzugeben. An seinen Nachfolger Grégory Rausis richtet er eine Botschaft, geprägt von Erfahrung und Weisheit: „Allein kann man nichts erreichen. Gegenseitige Abhängigkeit und Vertrauen sind die Grundpfeiler dieses Hauses. Man muss beobachten, zuhören und wissen, wo man seine Energie einsetzen will. Man kann nicht alles kontrollieren – aber das Wesentliche muss immer im Zentrum stehen.“
Seinen Mitarbeitenden, jenen, die ihn auf diesem langen menschlichen Weg begleitet haben, spricht er eine tiefe Dankbarkeit aus: „Ohne euch wäre nichts möglich gewesen. Ich war der Dirigent, aber ihr habt das Stück gespielt. An unsere Partner, die uns unterstützt haben, an die Teams, die dieses Haus mit Leben gefüllt haben – und vor allem an die Kinder… Danke. Ihr seid der Grund, warum ich jeden Tag weitergegangen bin.“
Eine letzte bewegende Hommage
Am 28. Februar stand La Maison für einen Moment still. Das Lachen der Kinder klang lauter als je zuvor, Abschiedsworte wurden gesprochen, Erinnerungen geteilt. An diesem Tag ging es nicht nur darum, ein Kapitel zu schliessen – es ging darum, eine Geschichte zu feiern. Gesichter, gezeichnet von Emotionen, aufrichtige Umarmungen, leise ausgesprochene Dankesworte – und doch voller tiefer Anerkennung.
Denn Philippe Gex verlässt nicht einfach eine Funktion – er lässt eine Familie zurück. Eine Familie mit schlagenden Herzen, verwobenen Schicksalen und eingelösten Versprechen. Jede Person, die ihm begegnet ist, geht bereichert weiter – mit einem Hauch jenes leisen Lichts, das er auf seinem Weg hinterlassen hat.
Und doch geht er nicht ganz. Getreu seinem Engagement wird er vielleicht eines Tages wieder durch die Wege von La Maison schlendern – mit dem Rasenmäher in der Hand, als Freiwilliger. Aber nicht sofort. Zuerst nimmt er sich die Zeit, dieses Kapitel zu schliessen, die Stille willkommen zu heissen, die nach so vielen Jahren des Engagements entsteht. Denn ein Kapitän verlässt sein Schiff nie ganz. Er bleibt in der Ferne, wachend, ermutigend – mit einem Lächeln im Gesicht, wenn er sieht, wie das Werk weiterlebt.
„Ich habe nie das Rampenlicht gesucht – nur getan, was getan werden musste. Ich gehe in dem Wissen, dass La Maison in guten Händen ist. Was ich mitnehme? Dass wir gemeinsam alles schaffen können.“
So endet ein Kapitel – nicht mit einem Punkt, sondern mit einem Komma. Denn La Maison, stark durch ihre Geschichte und reich durch das Vermächtnis dieses Mannes, ist bereit, ihr nächstes Kapitel zu schreiben.
Hut ab – und danke, Philippe.
von Valérie Pellissier